Hell allein reicht nicht


Die richtige Beleuchtung am Arbeitsplatz fördert nicht nur die Konzentration, sondern auch das Wohlbefinden. Diese Erkenntnis spiegeln Branchentrends wie die HCLTechnologie oder Leuchten mit individuellen Lichtszenarien wider. Der Büroplaner Stefan Kleinhenz erläutert im Interview, warum dieses Thema wichtig ist, welche gesetzlichen Vorgaben es gibt und wie eine ideale Beleuchtung im Büro aussieht.

Welche Bedeutung hat das Thema Licht im Büro?


Die Beleuchtung im Büro spielt in zweierlei Hinsicht eine wichtige Rolle. Auf der einen Seite ist es natürlich ein unglaublicher Wohlfühlfaktor. Meiner Meinung nach hängt eine angenehme Arbeitsatmosphäre direkt mit dem richtigen Licht zusammen. Gerade in modernen Bürokonzepten, in denen klassische Arbeitsplätze von Zonen wie Work-Café, grünen Inseln, Rückzugsräumen usw. ergänzt werden, gilt es jedem Raum oder Zone eine zur Nutzung passenden Lichtsituation zu geben. Auf der anderen Seite ist Licht ein Effizienzfaktor, vor allem bei der Computerarbeit. Wenn man z. B. ständig durch eine Spiegelung im Monitor geblendet wird oder bei der handschriftlichen Arbeit nicht genug Licht hat, erschwert das die eh schon anstrengenden und ermüdenden Sehaufgaben im Büro.

Welche gesetzlichen Vorgaben gelten für die Beleuchtung in Büroräumen?

Es gibt zunächst die Arbeitsstättenverordnung, in der grundsätzliche Anforderungen formuliert werden. Hinzu kommen Konkretisierungen z. B. in den technischen Regeln für Arbeitsstätten und verschiedenen DIN-Normen. Die Vorgaben beziehen sich unter anderem auf die Mindest-Beleuchtungsstärke, den Aspekt der Blendfreiheit oder die Abstimmung der Beleuchtung auf die Art der Sehaufgabe und das Sehvermögen des Beschäftigten. Sprich dort wo mit Papier gearbeitet wird müsste es anderes Licht geben als für die Bildschirmarbeit, und ein Mitarbeiter mit Brille hat das Recht auf Lichtverhältnisse, die dieses Hilfsmittel berücksichtigen. Im Endeffekt müsste folglich jeder Arbeitsplatz über eine individuelle Beleuchtung verfügen. Entsprechende Systeme gibt es, sie kosten jedoch oft ein Vielfaches von einfachen Lösungen wie z.B. einer Direktbeleuchtung über Spiegelrasterleuchten an der Decke. Und da die meisten Entscheider eher auf die Anfangsinvestition statt auf das langfristige Kosten-Nutzen Verhältnis achten, wählen sie häufig Lösungen, die lediglich die Mindestanforderung bei der Helligkeit – 500 Lux im Bereich des Arbeitsplatzes – erfüllen. Für eine gute und vorgabenkonforme Beleuchtung ist das zu wenig, doch aufgrund fehlender Kontrolle durch die Behörden und mangelnden Wissens der Mitarbeiter und unternehmensinternen Prüfinstanzen hat die Missachtung in der Regel keine Konsequenzen.

 

Wie kommt es, dass Arbeitnehmer die Vorgaben bzw. ihre Rechte nicht kennen?

Der Nutzer beschäftigt sich einfach nicht mit dem Thema Beleuchtung. Im Normalfall ist es im Büro durch Tages- und/oder Kunstlicht ausreichend hell. Mehr interessiert viele Beschäftigte im ersten Moment nicht. Erst wenn ein Problem auftaucht, versuchen sie das konkret zu lösen. Wer geblendet wird, dreht beispielsweise seinen Bildschirm oder bastelt einen improvisierten Blendschutz. Allerdings haben wir im Rahmen unserer Arbeit festgestellt, dass Mitarbeiter die Möglichkeit einer individuellen Lichtsteuerung – sofern vorhanden – sehr wohl nutzen und schätzen. Ich denke, dass jeder Mensch schon ein Gespür dafür hat, welche Lichtverhältnisse für ihn persönlich in der jeweiligen Situation optimal sind.

Was zeichnet aus Ihrer Sicht eine gute Arbeitsplatzbeleuchtung aus?


Zu allererst gilt es das Tageslicht optimal zu nutzen, erst das kommt das Kunstlicht ins Spiel. Dieses sollte leicht zu bedienen sein, was sich unter anderem über Automatikfunktionen wie Präsenzmelder und Tageslichtsensoren erreichen lässt. Zusätzlich sollte der Nutzer aber immer auch die Möglichkeit haben sein Lichtszenario spontan und einfach zu verändern. Blendfreie Bürobeleuchtung sollte heute selbstverständlich sein. Die Lichtfarbe sollte immer so nah wie möglich am Tageslicht sein. Tageslicht ist dynamisch, verändert sich ständig, ist damit unser Takt- und Zeitgeber und so sollte auch künstliches Licht idealer Weise dynamisch sein. Daher befürworte ich im Grundsatz Modelle mit der sogenannten HCL-Technologie (Human Centric Lighting), auch wenn die vorprogrammierten Farbkurven mir heute oft noch zu manipulativ sind und nicht wirklich das Tageslicht simulieren.

In den vergangen Jahren sind immer mehr Leuchten mit HCL-Technologie auf den Markt gebracht worden. Ist diese Funktion der aktuelle Trend in der Branche?

 

Ja, absolut, das sieht man auch auf den entsprechenden Messen wie der „Light & Building“ oder der „Orgatec“. Leuchten mit HCL-Technologie entsprechen zudem einem anderen Trend in der Arbeitswelt – der Individualisierung. Die betrifft den ganzen Raum bzw. die komplette Einrichtung und zeigt sich unter anderem in höhenverstellbaren Schreibtischen oder individueller Klimatisierung. Unter diesem Aspekt wird es meiner Meinung nach bei der Beleuchtung weitere Entwicklungen geben. Zum Beispiel mit Apps, in denen man ein individuelles Lichtszenario speichert, das sich automatisch einstellt, wenn man den Arbeitsplatz erreicht. Das macht vor allen Dingen beim immer häufiger zu findenden Desk-Sharing Sinn, denn dann „folgen“ mir meine Einstellungen quasi an jeden beliebigen Schreibtisch. Auch hierfür gibt es bereits erste serienreife Systeme im Markt.

 

Eine Leuchte, die den Trend der Individualisierung aufgenommen hat und auch mit HCLTechnologie verfügbar ist, ist die Attenzia Space Stehleuchte von Novus Dahle. Sie haben ein Modell einige Wochen getestet. Wie ist Ihr Eindruck?

Am besten gefällt mir, dass ich das Licht genau dahin steuern kann, wo ich es haben möchte. Ich kenne im Moment keine andere Leuchte, die das ermöglicht. Durch die drei individuell einstellbaren LED-Panels kann man das Licht ganz gezielt auf den Arbeitsplatz und in den Raum hinein ausrichten. Ich habe die Panels bei mir so gedreht, dass meine Monitore fast nicht mehr vom Lichtkegel getroffen werden, sondern wirklich nur die Tastatur und der Bereich des Schreibtischs, in dem ich mit Papier arbeite. So habe ich eine sehr gute Beleuchtung für einen Bildschirmarbeitsplatz und auch für den Raum erreicht. Bei der Attenzia Space hat der Hersteller das Thema Individualisierbarkeit perfekt aufgenommen und umgesetzt, weil jeder Nutzer sein eigenes Lichtszenario schaffen kann. Ein kleines iTüpfelchen wäre noch, wenn man die Panels nicht nur um die eigene Achse, sondern auch zur Seite drehen könnte, dann könnte man noch ein wenig genauer steuern, wohin das Licht fällt.

Sie sprachen davon, dass Kosten ein wichtiger Entscheidungsfaktor für Investoren und Betreiber bzw. Arbeitgeber sind. Wie schätzen Sie das Preisniveau der Attenzia Space ein?

 

Die Modelle liegen im üblichen Preissegment des Marktes für Stehleuchten. Ein Mehrwert sind aber sicher die individuellen Einstellmöglichkeiten über die drei Panels. Zumal ein genereller Vorteil von Stehleuchten hinzukommt: sie lassen sich flexibel positionieren, nicht nur im Bereich des Schreibtischs sondern im gesamten Raum. So können z. B. bei einer neuen Raumaufteilung auch die Lichtverhältnisse entsprechend angepasst werden. Allein diese Möglichkeit gewährleistet in einem gewissen Umfang individuelle Lichtszenarien. Bei einer raumbezogenen Beleuchtung funktioniert das nicht.

Welche weiteren Entwicklungen bzw. Trends wird es Ihrer Meinung nach im Bereich Arbeitsplatzbeleuchtung geben?


Aus meiner Sicht geht die Tendenz seit Jahren immer in die gleiche Richtung, nämlich hin zu einem künstlichen Licht, das sich an menschlichen Bedürfnissen orientiert. Die HCL-Technologie ist in dieser Hinsicht die größte momentane Entwicklung, und ich glaube fest daran, dass sie sich etablieren und zum Standard wird. Außerdem sind neue Forschungsergebnisse zu erwarten. Forscher werden weiter daran arbeiten, immer besser zu verstehen, wie sich Lichtverhältnisse auf den menschlichen Organismus auswirken. Die daraus resultierenden Erkenntnisse werden die Hersteller nutzen, um entsprechende Technologien und Produkte zu entwickeln. Eine weitere Neuheit, die die Branche sicherlich beschäftigen wird, ist zudem die OLED-Technologie, die sich heute z. B. schon in Fernsehern findet. Weil sie viele Vorteile der klassischen LED hat aber durch ihr flächiges Licht noch weniger blendet, wird OLED wahrscheinlich irgendwann die klassische LED-Technik ablösen.

Was können Hersteller tun, um sich auf diese Trends vorzubereiten?


Die Hersteller müssen meiner Meinung nach eng mit der Forschung zusammen arbeiten und diese vielleicht auch fördern. Denn es gibt einfach noch unzählige offene Fragen. Beim Thema HCL zum Beispiel sollte geklärt werden, wie die ideale Lichtkurve im Tagesverlauf aussieht, sprich welche Lichtfarbe und -intensität zu welchem Zeitpunkt am besten ist. Jetzt ist die Kurve in vielen Leuchten hochgradig manipulativ. Das bedeutet, dass es morgens um 9 Uhr und mittags um 14 Uhr einen KaltlichtPeak gibt, um die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten zu steigern. Dabei zeichnet sich Tageslicht durch eine andere, sehr homogene Kurve aus: morgens warmweiß, mittags hat man sehr blaustichiges Licht, und abends geht es wieder ins Warmweiße. Hier sollte die Forschung zum Beispiel herausfinden, ob es tatsächlich zu einer sinkenden Leistungsfähigkeit führt, wenn man die natürliche Lichtkurve einsetzen würde. Vielleicht gibt es gar keinen großen Unterschied, dann wäre das manipulative Licht gar nicht nötig. Aus meiner Sicht ist das ideale Kunstlicht einfach eine Kopie des Tageslichts. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass es außen auf dem Dach einen Sensor gibt, der die Lichtfarbe misst, und die Beleuchtung innen über eine Steuerung automatisch daran angepasst wird.



Abgesehen von den Vorteilen der richtigen Beleuchtung: Gibt es Nachteile für den Nutzer durch schlechte bzw. falsche Lichtverhältnisse?


Auf jeden Fall. In meiner Beratungspraxis habe ich gerade ein extremes Beispiel. Da hat sich ein Kunde entschieden, sein komplettes Büro mit einer Lichtfarbe von 6500 Kelvin statisch zu beleuchten. Das ist eine Lichtfarbe wie sie eher zur Mittagszeit zu finden ist mit einem hohen Anteil an blauem aktivierenden Licht. Der Grund liegt für den Arbeitgeber auf der Hand: bei diesem Mittagslicht sind die Beschäftigten tendenziell leistungsfähiger. Er nimmt allerdings in Kauf, dass er damit den Biorhythmus seiner Mitarbeiter durcheinander bringt. Die Folge können unter anderem Schlafstörungen sein. Man kennt das vom Smartphone: moderne Geräte nehmen ab bestimmten Uhrzeiten den Blaulichtanteil des Displays zurück, damit der Nutzer abends im Bett surfen und trotzdem hinterher gut schlafen kann. Selbst wenn das genannte Beispiel ein Extremfall ist: Generell sollten einfach Käufer- und Nutzerinteressen ausgewogen berücksichtigt werden.

Wie kann eine Verbesserung der Situation erreicht werden?


Im Grunde müssen alle Räder ineinander greifen: Die Forschung sagt, welches Lichtszenario ideal ist, die gesetzlichen Vorgaben bilden die entsprechenden Anforderungen explizit ab und die Hersteller bieten passende Lösungen an.

Weitere Beiträge rund um das Arbeitsleben im Magazin lesen: